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Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Corinne Dubacher
Corinne Dubacher
Der Körperkult und ständige Vergleich auf Social Media kann eine Essstörung beim Kind begünstigen. Wann sollten Eltern hellhörig werden und was können sie tun?

Sich auf Instagram und TikTok einfach mal so zeigen, wie man wirklich ist? 

 

Wäre ideal. Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Filter und Apps machen die Augen grösser, die Haut ebenmässiger, die Beine schlanker.

 

Dass Kinder und Jugendliche mit ihrem Aussehen nicht immer zufrieden sind, ist normal, gehört zum Erwachsenwerden dazu.

Schwierig wird es, wenn die ständigen Vergleiche und unrealistischen Bilder das eigene Selbstbild verzerren und im schlimmsten Fall in einer Essstörung münden.

 

Wir haben mit Dr. Tschitsaz über Essstörungen gesprochen und sie gefragt, wann Eltern hellhörig werden sollten und wie sie dem Kind helfen können.

Dr. Armita Tschitsaz ist leitende Psychologin und Zentrumsleiterin im Therapiezentrum für Essstörungen in Bern.

Frau Tschitsaz, welche Arten von Essstörungen gibt es und wie unterscheiden sich diese?

Unser Diagnosesystem unterscheidet die Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating sowie jeweils deren atypische Varianten. Es gibt noch weitere seltenere Formen von klinischen Essstörungen. Für das Kindesalter kennt man darüber hinaus noch andere Essstörungen, wie Picky Eating* oder ARFID* (*Erklärungen im Glossar).

Ist eine Essstörung immer von aussen sichtbar?

Manchmal zeigen sich die körperlichen Folgen von Essstörungen in Veränderungen von Körperumfang und -gewicht, was dann sichtbar wäre.

Welche Folgen haben Essstörungen?

Die körperlichen und psychischen Folgen von Fehlernährung sind vielfältig: Auf körperlicher Ebene wird das zentrale Nervensystem beeinflusst, der Stoffwechsel, die Hormone sowie das Herz-Kreislauf-System. Dies zeigt sich unter anderem mit Haarausfall, Muskelschwund, Osteoporose, Schilddrüsendysfunktionen oder Verdauungsproblemen. Bei Mädchen kann es zudem sein, dass die Menstruation aussetzt.

 

Auf der psychischen Ebene kann es zu depressiven Verstimmungen kommen, zur Leistungsminderung in der Schule, zu sozialem Rückzug. Oftmals kreisen die Gedanken von Betroffenen ständig um Kalorien und Ernährung.

Was kann eine Essstörung begünstigen?

Die Forschung weist auf Risikofaktoren für die Entwicklung von Essstörungen in unserer Gesellschaft hin. Dazu zählen zum Beispiel der Überkonsum von Schönheitsidealen in den Medien, eine übertriebene Gesundheitseinstellung oder der Peer-Vergleich* unter Jugendlichen.

Wirken sich der Social-Media-Konsum und die ständigen Vergleiche negativ auf das eigene Selbstbild aus?

Die Forschung bestätigt eindeutig die negative Wirkung von Social Media auf Heranwachsende. Auf der Suche nach dem idealen Körperbild vermittelt der ständige Vergleich auf sozialen Netzwerken unrealistische Körpertrends.

 

Zudem gibt es Studien, welche die negativen Auswirkungen von Castingshows wie GNTM (Germany’s Next Topmodel) oder Bildmaterial in Zeitschriften (Vogue, etc.) auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers nachweisen. 

 

Wann sollten Eltern hellhörig werden?

Wenn Mahlzeiten regelmässig ausgelassen werden, nur noch gesund oder kalorienarm gegessen, masslos Sport getrieben wird. Ebenso hellhörig werden sollten sie, wenn sich das Kind stark mit Nahrung und Kalorien beschäftigt.

Wo finden Betroffene Hilfe?

Eltern von betroffenen Kindern und Jugendlichen wenden sich bitte an den Hausarzt oder an einen ärztlichen/psychologischen Psychotherapeuten, um die nächsten Abklärungsschritte zu planen.

Bei Essstörungen denkt man zuerst an junge Mädchen und Frauen. In jüngster Zeit hört man auch mehr von jungen Männern, die eine Essstörung entwickeln. Ist eine Zunahme unter Männern zu beobachten?

Statistisch sind diese Zahlen nicht erfasst. Doch auch bei Männern gibt es die Magersucht. Häufig zeigt sich hier die sogenannte Anorexia athletica, das heisst, Männer verspüren einen extremen Drang zu trainieren, sie treiben sehr viel Sport, um einen muskulären Körper zu haben.

Wie werden Essstörungen therapiert?

In der Regel mit Psychotherapie. Begleitend kann eine Ernährungsberatung helfen, den Mahlzeitenrhythmus besser zu strukturieren. Einige profitieren auch von non-verbalen Therapien wie Kunsttherapie.

Eltern sind oft ein wenig ratlos, wissen nicht genau, wie und ob sie das Problem ansprechen sollen. Haben Sie einen Tipp?

Sprechen Sie das Thema einfühlsam, interessiert und besorgt an. Zeigen Sie Interesse, gehen Sie den Sorgen nach, die das Kind berichtet. Fragen Sie Ihr Kind, wie Sie es unterstützen können. Zum Beispiel, ob sie sich gemeinsam beraten lassen sollen. Begleiten Sie Ihr Kind zum Hausarzt/Psychologen.

 

Die fünf häufigsten Arten von Essstörungen kurz erklärt *

Anorexia

Unter Anorexia versteht man die Magersucht. Betroffene essen sehr wenig und selektiv und setzen sich häufig exzessiv mit ihrem Gewicht und ihrer Ernährung auseinander. Viele bewegen sich zu stark.

 

Bulimia nervosa

Bei der Bulimie kommt es zu Essanfällen mit anschliessendem Erbrechen oder anderen kompensatorischen Verhalten, wie etwa Sportsucht, Abführmittel. Die Betroffenen leiden stark unter Körperängsten und Schamgefühlen.

 

Binge-eating

Betroffene mit einer Binge-eating-Störung leiden an Essanfällen. Auslöser sind oftmals innere Anspannung oder zwischenmenschliche Probleme. Eine häufige Folge von Binge-eating ist Übergewicht.

 

Picky eating

Picky eater heisst übersetzt «Picky» = «wählerisch» und «eater»= «Esser», also wählerische Esser. Kinder mit diesem Essverhalten nehmen nur ausgewählte Lebensmittel oder Konsistenzen (zum Beispiel gekochte ganze Kartoffeln nicht, Kartoffelbrei aber schon) zu sich. Anderes Essen wird verweigert.

 

ARFID (= avoidant restrictive food intake disorder)

Bei ARFID, der vermeidenden/restriktiven Essstörung, entwickelt man eine Abneigung gegenüber bestimmten Speisen. Angst vor dem Zunehmen haben die Betroffenen jedoch nicht.

*Was ist ein Peer-Vergleich?

«Peers» sind Personen im gleichen Alter, Geschlecht und mit ähnlichen Interessen. Peer-Gruppen werden vor allem im Jugendalter als Vergleichsgruppe genutzt, um die eigene Persönlichkeit frei entfalten zu können und Halt in einer Gruppe zu finden. Die Peer-Group bestimmt über Freizeitgestaltung, Essverhalten, Kleidungsstile und Musikvorlieben.

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